Ein Hoch auf die Wiener Gastronomie

Dass des Wieners liebstes Hobby das Sudern ist, ist hinlänglich bekannt. So darf es nicht wundern, dass der frisch vom Urlaub Heimgekehrte immer wieder davon schwärmt, wie toll nicht dieser Club oder jenes Lokal in der gerade eben besuchten Stadt denn gewesen sei.

Ich fordere mal ganz frech: Nicht sudern! Was uns in Wien gastronomisch geboten wird sucht seines Gleichen.

Natürlich hat das Neue und Ungewöhnliche immer seinen eigenen Reiz;  der Fehler liegt lediglich daran  unsere Gastronomie mit der einer anderen Stadt an deren Maßstäben zu messen. Ganz zu schweigen davon, dass der Tourist meistens nur das Stadtzentrum besucht und die Aussenbezirke eher auslässt.

Doch was ist nun bei uns denn anders?

Zum Ersten hat die Gastronomie für den Wiener generell eine andere Bedeutung als für den Londoner, Pariser oder Zürcher. Während in den meisten Städten der Welt die Gastronomie jenseits des Würstel- oder Dönerstandes einen gewissen Luxus darstellt, den sich ausser ein paar Betuchter oder Bessergestellter nur selten jemand täglich gönnt bzw. gönnen kann ist sie bei uns soziales Allgemeingut. Es ist klar, dass anderswo ein Menü welches einen mehrfachen durchschnittlichen Stundenlohn verschlingt, mit dem man den besonderen Anlass oder den Geschäftstermin verbindet mehr darstellen kann, als das tägliche Essen (tut es trotzdem oft nicht). Bei uns darf es dies im seltensten Fall.

Auch ist es in vielen Städten der Welt eher üblich, wenn man Freunde trifft, diese zu sich nach Hause einzuladen; weniger der Wiener. Die berühmte Kaffeehaus- und Heurigen Kultur die besagt, dass man einen schönen Teil des Tages im Café bzw. im Heurigen verbringt gibt es auf eine modernere Art eben immer noch und so ist für viele Wiener das Lokal auch heute oft das Zentrum des sozialen Lebens.  Mit diesem gastronomiezentrischen Sozialleben gehen natürlich auch andere Herangehensweisen an die verschiedenen Aspekte dieser unserer Kultur einher.

Wie viele Familien kennen wir, die womöglich bis zur Hälfte des Monatsbudgets in Restaurants liegen lassen? Genügend, denn es ist Teil der hiesigen Lebensqualität. In anderen Städten? Selten. Es ist sicherlich auch in den meisten Großstädten der Welt nicht einmal eine Option. In welcher anderen Metropole eines wiener Kalibers findet man denn auch in jedem Bezirk und an jeder Ecke eine Gaststätte in der man es sich leisten kann täglich essen zu gehen; und das nicht einmal schlecht. Ausserhalb der Innen- und Inbezirke herrscht andernorts meistens Gastronomisches Ödland.

Jeder Wiener, der diese Stadt auch nur annähernd kennt hat sein Dutzend Lokale, in die er regelmäßig einkehrt. Lokale in denen man täglich ein Menu von oft ansehnlicher Qualität und Menge um 7 bis 12 Euro bekommt. Und viele Lokale, die ein entsprechendes Preis- Leistungsverhältnis zu bieten haben nennen Stammgäste ihr eigen die oft über Jahre hinweg mehrfach wöchentlich oder gar täglich bei ihnen antanzen.

Anderenorts ist dies selten der Fall.

Zum Zeitpunkt der letzten Finanzkrise konnte man in Medien des benachbarten Auslandes vom großen Lokalsterben lesen. Die Gäste strichen den Luxus und die Betriebe schlossen. Der Wiener – hat er auch mal weniger Geld – geht trotzdem fort. Vielleicht gibt es das eine oder andere Bier weniger aber daheim bleiben geht nicht.

Der Wiener beansprucht nun einmal die Gastronomie für sich als teil des gelebten Alltages mehr als dies andere tun. Als Teil dieses Alltages darf natürlich das Budget nicht gesprengt werden. Die gebrachte  Gegenleistung  sind die Treue und Frequenz mit der man besucht wird.

Dieser wiener Zugang sein Geld lieber alltäglich in kleinen Mengen und hohem Anteil, als selten in größeren Mengen und geringerem Anteil auszustreuen hat natürlich für die Branche seine Vor- und Nachteile. Wien hat sicherlich gemessen an der Größe sehr wenige sehr teure Lokale. Betriebe in denen man pro person mehr als 60 Euro rechnen muss, die sich länger halten können kann man an einer Hand abzählen. Die Anzahl an qualitativ guten Betrieben, die man sich täglich leisten kann ist hingegen immens.

Diese Philosophie schlägt sich auch im Nachtleben zum Teil nieder.

Der Wiener ist kaum gewillt, wie in anderen Städten, in Clubs einen Eintritt von über 12 Euro hin zu nehmen (wenn überhaupt). Jeder versuch Clubs auf höchstem (New Yorker/Londoner) Niveau aufzuziehen ist bisher gescheitert. Ein solcher Club hat natürlich seine Kosten die ohne geschmalzenen Eintritt und stark erhöhte Getränkepreise nicht zu finanzieren sind.

Ich glaube, dass der Wiener das Nachtleben ebenso wie die Tagesgastronomie sich zu einem gewissen Teil als allgemeines Sozialgut einverleibt hat, an dem er ebenso mehr die konstante Qualität des “Produktes” Clubbing genießt, als dass er das besondere oder ausgefallene sucht. Man will ebenso die bekannten Gesichter sehen die man freundlich grüßt auch ohne ihre Namen zu kennen wie man den einen oder anderen neuen unbekannten Aufriss anvisiert. Kaum wo anders fragt man sich zum wie viel hundertsten mal die selben Gäste zur selben Musik im selben Club tanzen können; und doch tun sie es. Hat man mal ein funktionierendes Format so kann man dieses beinahe nur töten, wenn man es zu sehr verändert oder vergisst, dass der Generationenwechsel im Nachtleben doch wesentlich schneller von statten geht als überall sonst.

Dies hat selbstverständlich ebenso wie bei den Speiselokalen seine Vor und Nachteile. Zum einen ist es oft verlorene Liebesmühe sich jenseits eines Großevents den Mega-Star zu buchen andererseits wird dies auch nicht wirklich verlangt. Konstante Qualität gepaart mit ein paar netten Einfällen hie und da genügt meistens.

Wirklich beschweren sich ohnedies nur eine Handvoll Globetrotter die sich an internationalen Luxus gewöhnt haben und sich diesen auch leisten können. Jene die sich über zu wenig Abwechslung im Angebot beklagen haben bei Nachfrage auch kaum ihre gewohnten Pfade verlassen und unsere immense Auswahl noch nicht ausprobiert.

Ich für meinem Teil liebe diese Stadt und was sie gastronomisch zu bieten hat und ziehe es allemal vor an einem Ort zu leben an dem das Fortgehen und ausser Haus Essen und Trinken nahezu jedem in guter Qualität leistbar  möglich ist.

Ein Hoch auf unsere Gastronomie und Gastronomiekultur.

RZ

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